Mrz 26

Computerspiele sind nicht nur etwas für Zocker. In “Serious Games” üben Ärzte Operationen, Internet-User die Jagd auf Terroristen, Analphabeten das Schreiben. Sogar die Flucht nach Europa wird zum Spiel.

Er wirkt unüberwindbar, der sieben Meter hohe Zaun, der sich vor dem dunkelhäutigen Mann auftürmt. Jenseits des Zauns: das ersehnte Ziel – Europa. Doch die Flucht dorthin ist gefährlich. Schon nähern sich die Schritte der Grenzpolizisten. Allerdings: Der Mann ist nicht aus Fleisch und Blut. Er besteht aus Pixeln – und sein Spieler muss nun handeln: ihn vor den Grenzpolizisten fliehen oder eben diese bestechen lassen. Ein Spiel? Realität? Beides.

In dem Computerspiel “Frontiers – you’ve reached fortress Europe” kann der Spieler versuchen, als Flüchtling über die europäische Außengrenze zu gelangen, Level für Level. Oder aber, er entscheidet sich dafür, die Gegenseite zu spielen. Dann muss er als Grenzsoldat versuchen, Flüchtlinge daran zu hindern, die Grenze zu überqueren. Notfalls mit Schüssen, das gibt allerdings Minuspunkte.

Zocken und Lernen – bleibt da nicht eins von beidem auf der Strecke? An der TU Darmstadt laufen dazu derzeit mehrere Forschungsprojekte. Laut Göbel gebe es bisher noch keine größeren Studien, die belegen, dass es tatsächlich sinnvoll ist, Sach-Inhalte über Spiele zu vermitteln. Spiele, die aber genau das auf besondere Art und Weise versuchen, werden bereits ausgezeichnet – etwa in der Kategorie “Best Serious Game” des Deutschen Computerspielpreises oder auf der Computermesse Cebit mit dem “Serious Games Award”, in dessen Jury Göbel bereits mehrfach saß. Im vergangenen Jahr hat er den Preis den Entwicklern von “Winterfest” überreicht. Durch dieses Computerspiel sollen funktionale Analphabeten lernen, wie sie Lesen, Schreiben und Rechnen im Alltag besser anwenden können.

Deutschland hinkt hinterher

Mittlerweile gibt es in Deutschland viele Firmen, die sich darauf spezialisiert haben, solche Lernspiele zu entwickeln. Eine dieser Firmen leitet Thorsten Unger. Er ist Geschäftsführer von “Zone 2 Connect” und Sprecher des Arbeitskreises für Serious Games beim Bundesverband der Computerspielindustrie,”GAME”. Allerdings hinkt Deutschland seiner Ansicht nach in Sachen Serious Games anderen Ländern hinterher: “Gerade in den USA, Skandinavien, Großbritannien, den Niederlanden oder Frankreich wird viel progressiver mit dem Thema umgegangen.”

Die Idee hinter Serious Games hat Potenzial. Gerade wenn man bedenkt, dass sich Serious Games nicht auf den Computer beschränken. Sie sind für viele Medien denkbar: Smartphones, Spielkonsolen, Tablets. Und auch wenn sie nicht unbedingt den Ansprüchen erprobter Spielfreunde gerecht werden – durch sie könnten das Lernen unterhaltsamer und neue Zugänge zur Bildung geschaffen werden. Wie effektiv ihr Einsatz wirklich ist, wird sich zeigen. Im September will Göbel auf den GameDays 2012 in Darmstadt mit Wissenschaftlern aus aller Welt darüber diskutieren – vielleicht gibt es bis dahin ja schon neue Erkenntnisse.

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